Zeittotschläger
Jedes Jahr kriechen Sie an denselben zwei Zeiten aus Ihren Löchern, am letzten Samstag im März und am letzten Samstag im Oktober: Die Zeitumstellungs-Reporter. Die wohl niedrigste Gattung des Journalisten tummelt sich an diesem Tag in den deutschen Fußgängerzonen, um unbescholtene Bürger zu fragen, wie sie denn die Zeitumstellung in der kommenden Nacht bewerkstelligen werden. Und wie denn das jetzt noch mal war, die Uhr ne Stunde vor oder zurück oder was. Ich würde denen gerne meine Faust vor und zurück ins Gesicht bewegen, immer wieder, bis sie’s gelernt haben, denn ich kann es nicht mehr ertragen. Jedes halbe Jahr der gleiche Scheiß.
Da wird dann Steffi Koch, 24, Einzelhandelskauffrau gefragt, ob sie denn nu länger schlafen kann oder früher aufstehen muss, und die sagt: »Die Uhr wird vorgestellt. Ne Stunde. Nee, zurück! Oder doch vor? Hihihi, ich weiß das nicht! Hier, Susi, sag doch auch ma was!«, und wendet sich an Susi, die bislang im Hintergrund rumoxidierte in der Hoffnung, auch ma ins Fernsehen zu kommen, aber jetzt, wo's drauf ankommt, drückt sich Susi dann doch lieber unter der Kamera weg und kichert, weil Susi das halt auch nicht weiß.
Dann wird noch Lokführer Ludger Rodermund gefragt, und der klugscheißt: »Die Uhren werden bekanntlich eine Stunde zurückgestellt, so dass die Kollegen nachts eine Stunde im Bahnhof oder auf der Strecke warten müssen.« Na prima, dann wissen die auch mal, wie das ist. Am Schluss gibt’s immer noch mindestens einen Vorzeige-Idioten, der sich zu Aussagen hinreißen lässt wie: »Die Zeit wird umgestellt, weil die Planeten sich ändern...?«
Dann wird noch die Mär verbreitet, der Sinn der Zeitumstellung läge darin, Strom zu sparen. Dabei muss man nur gucken, wann die Sommerzeit in Deutschland eingeführt wurde: Im Ersten Weltkrieg. Anschließend wieder abgeschafft, dann im Zweiten Weltkrieg wieder eingeführt, und danach wieder abgeschafft. Da drängt sich doch der Verdacht auf, die Sommerzeit diene in erster Linie dazu, die Sonnenstunden möglichst effektiv zum Kämpfen auszunutzen, damit die Soldaten rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit heim ins Reich kommen können.
Seit 1979 gibt’s hierzulande wieder die Sommerzeit. Und was bedeutet das? Seit knapp 30 Jahren bereitet sich Deutschland auf den Krieg vor, und keiner macht mit, weil das Volk denkt, die Zeitumstellung käme daher, dass die Planeten sich ändern. Die Briten haben’s da leichter. Die haben für die Frage, wann die Uhr nun vor und wann sie zurück gestellt wird, die Eselsbrücke: »Spring forward, fall back«. Also wenn mir das mal kein Militärslang ist, dann weiß ich auch nicht.
Die Sommerzeit heißt in England übrigens Central European Summer Time, abgekürzt CEST. Das klingt genau wie »zest«, und das bedeutet Lust oder Vergnügen. Das ist doch unterschwellige Propaganda! Und wenn man dann noch das E durch ein I ersetzt, das E dafür eine Position nach rechts schiebt, das S entfernt, das T durch ein R und das Z durch ein B austauscht, wird daraus BIER.
Das sollte einem zu Trinken geben.
Mir ist das mittlerweile zu doof. Ich mach da jetzt nicht mehr mit. Bei mir zuhause ist immer noch Sommerzeit. Zumindest in der Küche, im Wohnzimmer und im Bad. Wenn ich dann vor der Glotze sitze, denk ich: »Ou, schon zwölf, nu muss ich aber ma ins Bett gehen.« In meinem Schlafzimmer herrscht allerdings bereits der Winter, und so klingelt da der Wecker eine Stunde früher, als wenn ich auf dem Sofa genächtigt hätte. Ich schlafe so faktisch seit letztem Sonntag jeden Tag eine Stunde länger als zuvor. Die Jahreszeitengrenze, die genau durch meinen Flur verläuft, bemerkt man dabei kaum. Es war schon immer sommerlich warm in meinem Wohnzimmer, weil der Riesenfernseher so eine Hitze abstrahlt.
Mitte der Woche hab ich mir dann gedacht: Warum da aufhören? Ich könnte ja auch noch ne halbe Stunde weiterstellen, dann hätte ich Frühling und mir würden nicht ständig die Zimmerpflanzen eingehen. Oder ne halbe Stunde zurück, dann ist Herbst, und im Herbst hab ich Geburtstag. Frühling, Sommer, Herbst, Winter – wenn ich so drüber nachdenke ist meine liebste Jahreszeit immer noch der Samstag. Im Winter ist es in der Regel kalt, im Sommer ist es in der Regel heiß, aber am Samstag kann wettertechnisch eigentlich alles passieren.
Außerdem hat man am Samstag frei. Am Sonntag zugegebenermaßen auch, aber da hat ja JEDER frei, man kann also nicht einkaufen gehen, und außerdem kommt nach dem Sonntag der Montag, und allein das ist schon mal ganz schön scheiße am Sonntag. In den Samstag geht man also ausgeschlafen rein und kommt hinten auch wieder ausgeschlafen raus. Da kann mein popliges Sommer-Winter-Gefälle in meiner Wohnung mit seiner einen zusätzlichen Schlafstunde also nicht gegen anstinken.
Ich habe mich also am Mittwoch morgen entschlossen, mich im Wege der Zeitumstellung langsam von vorne an dem Samstag heranzutasten. Um acht Uhr morgens hab ich meine Uhren also alle um drei Stunden vorgestellt. Dann war’s elf und ich war schon eine Stunde zu spät für die Arbeit. Und das, obwohl ich ja eigentlich ne Stunde früher als normal ins Bett gegangen war. Das Ergebnis hat mir nicht gefallen, und so hab ich gleich nochmal neun Stunden weitergedreht.
Noch nie war ich um acht Uhr abends so fit. Um 23 Uhr hat mich dann mein Chef angerufen und gefragt, wo ich denn bleibe. Aber hey, um elf Uhr abends fahr ich doch nicht mehr in die Redaktion! Gibt ja auch Arbeitnehmerschutz und sowas.
Außerdem wollte ich grad ausgehen. Die ganzen Clubs waren aber zu. Siehste mal. Mittwochsabends kannste halt auch echt nix unternehmen. Da lob ich mir doch den Samstag. Das Ziel vor Augen hab ich dann die Uhr nochmal zwölf Stunden vorgedreht und war so gerade noch rechtzeitig zum Mittagessen am Donnerstagmittag in der Kantine. Die PR-Typen, mit denen ich Donnerstagnachmittag eigentlich nen Termin gehabt hätte, sind aber irgendwie nicht aufgetaucht. Da habe ich mich zu einem wagemutigen Experiment entschieden: Ich habe die Uhr um satte 48 Stunden vorgedreht.
Technisch ist sowas ganz einfach. Das ist ja dann coolerweise genau die gleiche Uhrzeit wie zuvor auch. Der Jurist nennt sowas eine »logische Sekunde«, wenn von jetzt auf gleich alles anders ist, obwohl eigentlich keiner was gemacht hat. So hab ich übrigens auch mein Jurastudium bestritten. Das waren zwölf logische Semester, in denen ich nix gemacht hab, und plötzlich war ich Computerspiel-Journalist.
Ja, und so bin ich dann gestern gegen 13 Uhr, plus minus fünf Minuten, im Samstag angekommen, und hatte gerade noch genug Zeit, um zwei Texte für die Lesebühne zu schreiben.
Heute morgen um zwölf, in der Nacht von Samstag auf Samstag also, hab ich die Uhr im Schlafzimmer dann aber doch wieder ne Stunde zurückgedreht, damit ich weiterhin früher aufstehe als im Wohnzimmer. Denn samstags früh aufstehen ist geil. Da hat man nämlich noch was vom Tag.

