
Ich habe eine Erbkrankheit, die zwar weit verbreitet ist, aber meist totgeschwiegen wird. Sie heißt Inscientia Ludibrii, zu deutsch: Fußballignoranz.
In meinem Hirn sind die Areale nicht ausgeprägt, die für die Fuß-Auge-Ball-Koordination zuständig sind, und die Regionen, die Fußballwissen speichern und das allgemeine Interesse an diesem Sport auslösen, sind komplett verödet. Diese Krankheit ist unheilbar und endet tödlich. Meine Lebenserwartung beträgt gerade mal 74 Jahre.
Das ging bei mir schon in der Grundschule in Koblenz los. Inscientia Ludibrii geht bei Kindern einher mit einem eher schmächtigen Körperbau. Meine Mutter nannte mich damals immer »mein dünner Jesus«. Das ist für das Selbstbild nicht gerade erquickend, wenn man in einer Grundschule sitzt, in deren Klassenzimmer lauter dünne Jesi an die Wände genagelt sind.
Okay, an die Wand genagelt hat mich in der Grundschule niemand, aber dafür hatte ich einen Feind. Franz, genannt Fränzchen, auf Kowelenser Platt: Fränzje, nicht nur der größte Assi, sondern auch der beste Fußballspieler meiner Stufe. Wahrscheinlich entsprechend nach dem Beckenbauer benannt. Beckenbauer war lange Zeit der einzige Fußballer, dessen Namen ich mir merken konnte, weil in der MAD eine Bilderwitz-Serie drin war, die hieß: »Wie Kinder sich Schlagzeilen vorstellen«. Einer davon war zum Beispiel eine Szene, in der ein Adliger eine Treppe runterpurzelt und dabei ein Paddel fallen lässt, was drei Gorillas am Fuße der Treppe auffangen. Die Schlagzeile dazu war: »König gestürzt, Guerillas übernehmen das Ruder«. Und auf einem anderen stehen vier Kinder mit Schwimmflügelchen um einen halbfertigen Pool, und der zuständige Handwerker geht gerade fröhlich winkend nach Hause, obwohl er noch gar nicht fertig ist. Die Schlagzeile dazu: »Beckenbauer zuversichtlich: Ich komme wieder!«.
Die Witze musste ich mir erklären lassen, aber dass dieser Beckenbauer ein Fußballer ist, das habe ich seitdem nie mehr vergessen. Trotzdem kann ich mir bis heute nicht merken, ob der FCK nun aus Köln oder Karlsruhe kommt.
Fränzje jedenfalls wurde immer zuerst gewählt, wenn es darum ging, eine Fußballmannschaft zu bilden, und ich immer als einer der letzten. Ich war einfach nicht in der Lage, einen Ball mit Hilfe meiner Füße in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Fußball war und ist für mich das, was für Mädchen das Werfen ist: Das klappt einfach nicht. So ist das nunmal bei Inscientia Ludibrii. Unerkannt krank musste ich also auf der Bank sitzen, bis die guten Spieler verteilt waren. Ich glaube, Lehrer wissen gar nicht, was sie Kindern mit dieser Art der Teambildung antun. Das ist ja quasi hoheitlich gebilligte Hackordnung. Die setzte Fränzje natürlich auch außerhalb des Sportunterrichts durch, indem er Leute mit seiner ganz speziellen Technik boxte. Dabei ließ er immer den Mittelfingerknöchel aus der Faust herausragen, quasi als Dorn, um seine Kraft auf einen Punkt zu konzentrieren. Er drohte Prügel immer schon mit seinem erhobenen Mittelfingerknöchel an, was recht beeindruckend aussah. Allerdings traute sich niemand, Fränzje zu sagen, dass das weit weniger schmerzte, als wenn er einfach ne richtige Faust gemacht hätte, immerhin muss sich Fränzje bei seinen Spezialhieben selbst ganz ordentlich weh getan haben, weshalb er nicht wirklich feste zuhaute. Aber wenn man wie Fränzje eh den ganzen Tag Fußball spielt und nicht wie ich von seiner Mutter zum Klavierunterricht gezwungen wird, dann braucht man seine Finger wahrscheinlich eh nicht.
Ich habe heute spaßeshalber mal nach Fränzje gegoogelt. Keine Ahnung, wie er mit Nachnahmen hieß, der Vorname allein sorgte ja schon für Angst und Schrecken. Google fand unter Fränzje tatsächlich gleich ein Foto von einem Typen im Sporttrikot. Reflexartig schüttete mein Körper Adrenalin und Schweiß aus, und mich überkam der Zwang, Capri-Sonne-Trinktüten zu kaufen, damit ich ihm eine davon als Schutzgeld abgeben könne. Der Google-Fränzje spielt allerdings Handball. Das hätte der Grundschul-Fränzje mit seinen dauergestauchten Mittelfingern nie geschafft.
Auf dem Gymnasium, in das es nur drei Schüler meiner Grunschulstufe geschafft hatten (nein, Fränzje war nicht dabei), habe ich dann mit Karate angefangen. Mein Trainer hat eine ganze Weile gebraucht, mir die Fränzje-Faust abzugewöhnen, und hat mir Lowkicks beigebracht - so low aber, dass ich damit hätte fußballspielen können, waren sie leider nicht. Inscientia Ludibrii ließ mich nicht aus ihren Fängen. Wann immer möglich, versuchte ich, dem Fußball im Sportunterricht auszuweichen, und beneidete die Mädchen, die ab der Mittelstufe immer pünktlich zum Sportunterricht ihre Tage bekamen. Notfalls mehrmals die Woche.
Mein Kumpel Mark hatte kein Problem mit Fußball, sondern nur mit Schwimmen. Von Inscientia Ludibrii verschont litt er lediglich unter einer empfindlichen Nasenscheidewand, und so boxte sich einfach vor dem Schwimmunterricht leicht ins Gesicht, um anschließend spektakulär aus der Nase zu bluten. Dann konnte er immer mit dem Mädels am Beckenrand sitzen und zuschauen. Dass dabei niemand auf die Idee gekommen ist, ihm ein OB anzubieten, erstaunt mich bis heute, immerhin soll man mit denen reiten, schwimmen und fahrradfahren können - nur eben nicht fußballspielen.
Zu dieser Zeit wuchs im Rahmen meiner Freunde die Begeisterung für die Koblenzer Turn- und Spielvereinigung, kurz: die TuS Koblenz. Und ich hatte ja immer gedacht, die Tuss Koblenz sei die übermäßig betittete
Blondine mittleren Alters, die in der Altstadt herumstand und mich ab und zu fragte: »Na Kleiner, willste auch ma?« Dabei wollte ich doch nie Fußball spielen. In der 13. Klasse musste ich dann aber doch. Da hat unsere Schule einen Hallenfußball-Turnier ausgerichtet, in denen die Stufen gegeneinander antraten. Die 13. musste dabei zwei Mannschaften stellen: die, die spielen konnten, und, nunja, mich und die anderen.
In der Adoleszens verstärkt Inscientia Ludibrii das Wachstum des Haupthaars, und daher bestand meine Mannschaft auf fröhlichen, langhaarigen, aber völlig unfähigen Kickern. Als ich auf den Platz joggte, jubelte die Menge »Fabi! Fabi!«, weil sie dachten, hey, der kann Karate, der tritt bestimmt ordentlich zu. Um so größer war anschließend die Enttäuschung, als ich nach dem Anpiff den Ball derart gekonnt anschnitt, dass er tatsächlich irgendwie in unsere Spielfeldhälfte zurückhüpfte. Ich sag ja: Fußball ist für mich wie Schlagballwerfen für Mädchen - nur da hatte ich bislang gesehen, dass jemand minus zwei Meter weit werfen kann. Der Applaus verstummte, nur ein leises Grillenzirpen war zu hören, weil die Sabine aus der Bio-AG ihre Zikadensammlung zum Spiel mitgebracht hatte.
Dieses Erlebnis hat mich schwer gezeichnet, auch äußerlich. Bin einmal über den Ball gestolpert und hab mir voll den Ellbogen aufgeschürft. Kann man immer noch sehen. Ich habe mich dann zur Bundeswehr geflüchtet, in der Hoffnung, mal irgendwo in ein Krisengebiet ausrücken zu dürfen, wo niemand Fußball spielen will. Doch körperliche Ertüchtigung heißt bei der Bundeswehr oftmals »Sport in Neigungsgruppen«, wobei es immer nur eine Neigungsgruppe gibt, und in der geht's nicht um Schach.
1997 diagnostizierte dann der Truppenarzt bei mir Inscientia Ludibrii.
Nun ergab plötzlich alles einen Sinn - meine Unfähigkeit, Bälle zu treten, meine Unlust, die Sportschau anzusehen. Doch wenn ich krank war, dann müssten es da draußen noch viel mehr Menschen geben, wie mich! Der dicke Rainer mit den Plattfüßen etwa: Vielleicht hatte der ja auch Inscientia Ludibrii, und es wurde nie erkannt?! All diesen Menschen kann doch geholfen werden, nein: MUSS geholfen werden! Ich entschloss mich, zu kämpfen.
Ich rief den einzigen Fußballer an, den ich kannte: Franz Beckenbauer. Und ich sagte ihm: »Fränzje, lass uns die WM nach Deutschland holen! Und wenn es bis 2004 dauert! Und danach noch ne EM in einem Nachbarland, das uns wegen der ganzen Nazinummer nicht immer noch sauer ist - können ja nicht so viele sein!« Und in seiner unverwechselbaren Art, die ich nicht nachahmen kann, weil meine schlimme Krankheit jegliche Erinnerung an alles, was mit Fußball zu tun hat, verblassen lässt, sagte Beckenbauer: »Okay.«
Während der Franz an der Verwicklichung unseres Planes arbeitete, gründete ich die Inscientia-Ludibrii-Liga, abgekürzt ILL. In kurzer Zeit scharten sich unzählige Leidensgenossen um mich, und wir begannen, Regeln für Situationen aufzustellen, in denen wir zusammen mit normalen Menschen der deutschen Mannschaft beim Fußballspielen zuschauen.
Regel 1: Staunt nicht, wenn der Torwart den Ball über den Mittelstreifen treten kann. Das ist normal.
Regel 2: Stöhnt nicht, wenn ein Spieler eine schnellen Ball mit dem Kopf annimmt. Das tut denen nicht weh. Zumindest nicht mehr.
Regel 3: In der zweiten Halbzeit wechseln die Seiten. Haltet Euch deshalb kurz nach der Pause mit Jubeleien zurück, bis Ihr wisst, dass das auch wirklich die deutsche Mannschaft ist, die da gerade ein Tor geschossen hat.
Die WM 2006 und die EM 2008 waren entsprechend ein voller Erfolg für die ILL. Wir fielen trotz unserer Krankheit überhaupt nicht auf, allein Dank dreier Sätze, die wir alle brav auswendig gelernt hatten:
»Die machen die Räume nicht eng genug.«
Das heißt wohl: Die spielen scheiße. Oder:
»Die müssen mehr über außen spielen.«
Das heißt wohl: Die spielen scheiße. Oder:
»Deutschland ist eine Turniermannschaft.«
Das heißt wohl: Die spielen scheiße, gewinnen aber manchmal.
Und wer sich in einer ausweglosen Diskussionsecke gefangen sah, der befreite sich mit dem Zauberwort »Prost!«. Und so feierten wir gemeinsam mit unserer Mannschaft und jubelten für Deutschland, und konnten für einen kurzen Moment unsere Krankheit vergessen. So wie ich auch die meisten Namen der Spieler mittlerweile wieder vergessen habe.
Ich kann nichts dafür. So ist das nunmal mit meiner Krankheit. Die Helden meiner Jugend hießen nunmal nicht Littbarski, Matthäus oder Beckenbauer, sondern Sega, Atari oder Commodore.