Jungs Weihnachtsgeschenke zu besorgen ist ziemlich einfach, weil Jungs selbst auch ziemlich einfach sind. Ich bin zum Beispiel vor Weihnachten mal durch den Karstadt gelaufen, und da drängten sich zehn bis 15 Typen um die Präsentation eines offensichtlich spektakulären Wunderdings. Die Vorführung war eigentlich für Kinder gedacht, fand sie doch in der Spielwarenabteilung statt, nur hatten sich die Erwachsenen in dreister Weise vorgedrängelt, und nun mussten sich die Kleinen am Rand herumdrücken und kriegten gar nichts mit.
Ich wollte gerade empört rufen: »Ja denkt denn niemand an die Kinder?!« weil ich immer schon mal empört rufen wollte: »Ja denkt denn niemand an die Kinder?!«, genauso wie ich immer schon mal mit gepresster Stimme sagen wollte: »Es ist ruhig hier. Zu ruhig.«, bis ich gesehen habe, worum's bei der Präsentation eigentlich ging: Kleine, ferngesteuerte Hubschrauber! Ui ui ui! Hab mir natürlich gleich so einen zu Weihnachten gewünscht! Und zwei bekommen!
Hach, Jungsgeschenke sind super. Mein Lieblingsonkel etwa hat mir immer Messer geschenkt. Das ist eine schöne Tradition, die ich gerade bei meinem Patenkind wieder aufleben lassen will, was bislang am Widerstand der Kindseltern scheitert, weil man Einjährigen keine Messer schenke. Pah.
Ich hab früher, als Kind, einfach Sachen ausm Otto-Katalog ausgeschnitten, auf den Wunschzettel geklebt und zack, genau das wollte ich haben. Meine Großmutter hat sich da immer gefreut, da gab’s dann kein Vertun. Und keine selbstgestrickten Pullover. Als ich älter wurde und wieder davon abkam, bunte Bilder auszuschneiden, hat sich meine Großmutter sogar beschwert: »Kannst Du nicht wieder einen Wunschzettel wie letztes Jahr machen, mit dieser grünen Katze?« Die grüne Katze war übrigens BattleCat von den Masters of the Universe. »Nein Großmutter«, hab ich dann gesagt, »kann ich nicht. Die grüne Katze hab ich doch schon.« Trotzdem hat meine Großmutter jedes Jahr einen Wunschzettel nach Art der grünen Katze gefordert. Die hätte ich so gut beschrieben.
Wenn das nicht mit kindlicher Bastelarbeit verbunden wäre, wäre das eigentlich in der Tat kein Problem. Ich könnte immer noch jedes Jahr Sachen ausschneiden und aufkleben, mittlerweile allerdings ausm MediaMarkt-Katalog. Oder ausm Kotte-und-Zeller, die haben Messer und Waffen. Und tatsächlich: Was hat mir meine Freundin letztes Jahr ungebeten zum Geburtstag geschenkt? Eine halbautomatische Luftpistole. Perfekt!
Aber Mädchengeschenke, mein Gott! Jedes Jahr eine neue Herausforderung. Die wünschen sich ja auch nix konkretes, die Frauen. Der Weihnachtswunsch meiner Mutter wechselte in Kindertagen von einem Jahr aufs nächste plötzlich von: »Ich wünsche mir, dass Du immer lieb bist und Dein Zimmer aufräumst« zu: »Och…hmm… schenk mir was Schönes.« Eben noch schnell ein Bild gemalt, plötzlich muss man hier kreativ werden.
Jedes Jahr stehe ich seitdem wieder völlig ratlos vor der Entscheidung, was ich meiner Mutter und meinen beiden Schwestern schenken soll. Und dann auch noch ein Geschenk für die Superfreundin! Eine Frau, die einem ungefragt eine Luftpistole überreicht, was kann man der noch schenken, die ist offensichtlich perfekt, die hat ja schon alles!
Da hab ich mir gedacht, hmm, hab ich mir gedacht, sie ist die perfekte Frau, kann ich ihr auch gleich nen Heiratsantrag machen. Schenk ich nen Ring und muss mir nix anderes mehr überlegen! Aber nu ist Ringkaufen auch nicht so wirklich leicht. Ich packe deshalb kurz vor Weihnachten meine Schwestern ein, auf dass sie mich beraten. Denn ich will ja nicht irgendeinen Ring, sondern den Einen Ring! Einen Ring sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkle zu treiben und ewig zu binden. Was Tolkien da mit »sie alle zu finden« meint, weiß ich allerdings auch nicht. Das Problem ist ja nicht, sie ALLE zu finden, sondern die EINE zu finden, und das hab ich bereits geschafft. Aber das mit dem ewig binden, das ist prima. Und son bisschen knechten ist ja auch okay.
Die freundliche Dame beim ersten Juwelier unserer Wahl empfängt uns mit den Worten: »So, ich hole Ihnen jetzt erstmal ein Sektchen und Sie legen derweil die Jacken ab.« Hmm. Besoffen machen, Ring andrehen, ausziehen, das war doch eigentlich mein Plan für den Weihnachtsabend mit der Freundin. Egal. Wie Sauron seine Ringgeister schicke ich meine Schwestern aus, um den Einen Ring zu finden. Meine Schwestern machen natürlich nicht so fiese Geräusche wie Tolkiens Ringgeister, geben aber dennoch beim Überfliegen der Vitrinen Laut: »Nein. Ganz scheußlich. Nein. Nein. Geht gar nicht. Nein. AWWWWW!«
Aha! Die Schwestern haben angeschlagen!
»Entschuldigung,« frage ich die Verkäuferin, »was kostet denn der?«
»Das hängt von mehreren Faktoren ab, zum Beispiel natürlich der Ringgröße.« Meine Zukünftige hat natürlich ganz dünne Finger. »Entscheidend für den Preis ist allerdings die Größe des Diamanten«, fährt die Dame fort. Großer Diamant bei kleinen Fingern, das sieht doch komisch aus. »Und natürlich noch die Legierung, also das Material, aus dem der Ring besteht.« Ich habe nur Gutes von Chrom-Vanadium gehört. Hält ewig, verkratzt nicht. Kurz kommt mir der Gedanke, bei Obi einen feinen Dichtungsring zu kaufen.
Bei einer Kombination aus Ringform, Ringgröße, Legierung, Diamantschliff, Diamantgröße und Diamanthalterung ist es ja praktisch unmöglich, den Einen Ring zu finden! Die Ringgeister hatten keinen Zeitdruck und waren zu neunt, wir waren gerade mal drei, drei Tage vor Weihnachten! Und wenn die Nazgul ins Einkaufszentrum gehen, dann ist das sofort leer. Auch im Advent.
Wir haben's dann nachher doch geschafft, haben ihn doch gefunden, den Einen Ring. Und als ich bei Kerzenschein vor dem Weihnachtsbaum aufs Knie gesunken bin, hat meine Geliebte ihn auch tatsächlich angenommen, obwohl er natürlich viel zu groß war.
Pläne für die Zukunft: Heiraten, Babies machen. Ich hoffe, wir kriegen erstmal nur Jungs. Bei denen weiß ich nämlich jetzt schon, was ich ihnen zu Weihnachten schenke.