Kleine Abenteuer in der grossen Stadt

5.4.09

Aufreißer

Frühling ist's, ich möcht frohlocken,
endlich kann in Shorts ich zocken.
Im Garten blühen Osterglocken,
ich pflück mir welche (ohne Socken).
Der Zimmerschimmel wird jetzt trocken,
darauf freu ich mich seit Wocken!

Wocken ist ein wenig bekannter Feiertag der Jedi-Ritter anlässlich der Zerstörung des ersten Todessterns. Die Zerstörung des zweiten Todessterns wird nicht gefeiert, der war ja noch gar nicht ganz fertig. Zu Wocken gibt's traditionell chinesisches Essen.

Oder so. Jedenfalls ist jetzt Frühling. Was ich vor allem daran merke, dass die Bauarbeiter wieder aus ihren Löchern kriechen und Straßen kaputt machen.

Wenn es eine höher entwickelte Lebensform als den Menschen gibt (was ich doch sehr hoffen möchte), die uns bei unserem alltäglichen Leben beobachtet (was ich doch nicht hoffen möchte), dann sind Bauarbeiter für die bestimmt sowas wie für uns die Biber. Biber sind in unseren Augen ja sehr putzig, wie die da immer so Bäume fällen und Staudämme bauen und kleine Teiche anlegen. Für die beteiligten Fische ist das aber bestimmt kein Spaß. Stellt Euch vor, Ihr seid ein Aal, und wollt schön zum Ablaichen zurück in den Atlantik schwimmen, und da baut Euch einer sonen Staudamm quer. Ich mein, Ihr seid ja keine Lachse, die da grad mal rüberhechten können. Deshalb regen sich die Aale bestimmt voll auf und sagen: »Ey, was solln das jetzt?! Der Bach war doch gestern noch voll in Ordnung!«

Und so ging's mir gestern auch. Ich komm ausm Haus, will schön in die Schellingstraße (nicht ablaichen, sondern einkaufen), komme in die Barerstraße und was ist da los? Baustelle, der ganze Asphalt aufgerissen. Ich reagiere, wie es jeder anständige Aal tun würde: »Ey, was solln das jetzt?! Die Straße war doch gestern noch voll in Ordnung!« Vor mir auch ein Renterpaar, ähnlich verwirrt über den baulichen Eingriff in unser natürliches Habitat, mit denen ich mich gemeinsam kurz über diese im Zweifel maßlose Verschwendung von Steuergeldern aufrege, und das bei der aktuellen Finanzkrise, wie man das halt so in einer solchen Situation macht. Ist bei Aalen bestimmt auch nicht anders. »Hmm, was kömmer machen, was kömmer machen«, fragen die sich dann, »durch den Staudamm aalen können wir uns nicht, dafür ist das Wasser zu flach, und in der Sonne aalen können wir uns auch nicht, dafür ist der Witz zu flach.«

Die Bauarbeiter haben die Barerstraße bis runter zum Stachus kaputt gemacht. Und an der war echt nix dran. Gibt's mittlerweile vielleicht ne Abwrack-Prämie für Straßen? Ne alte Straße rausreißen und ne neue dafür bekommen? Wenn die dann die gebrauchten Straßen wenigstens irgendwo lagern würden, damit man die noch weiterverwerten kann. Zumindest in Teilen. Nen einzelnen Parkplatz vielleicht. Also ich würd einen nehmen, auch wenn ich gar kein Auto hab, aber nen Parkplatz kann man immer gebrauchen.

Dass die Abwrackprämie auch Umweltprämie heißt, ist doch sowieso der größte Witz. Schrottautos produzieren für die Umwelt? Die müsste man konsequenterweise auch für Verkehrsunfälle mit Totalschaden auszahlen. Oder von den Kosten für die Führerscheinprüfung abziehen, ist für viele Fahranfänger dann ja ein Nullsummenspiel.

Wenn's die Abwrackprämie jetzt auch für Straßen gibt, dann kann ich mir genau vorstellen, wohin diese Gelder fließen: zu den Bibern. Das kann doch kein Zufall sein, dass sich die staudammbauenden Biber und die straßenaufreißenden Bauarbeiter so ähnlich sind. Dazu ein paar unbestreitbare wissenschaftliche Fakten:

Der Lebensraum des Bibers sind fließende und stehende Gewässer.
Der Lebensraum des Straßenbauarbeiters ist fließender und stehender Verkehr.

Der Biber bewegt sich aufgrund seines plumpen Körperbaus nur langsam.
Wer schonmal einen Straßenbauarbeiter dabei beobachtet hat, wenn er die Fahrbahn freimacht, weiß, wovon der Zoologe spricht.

Biber sind semiaquatisch, Straßenbauarbeiter haben das Wasser einfach gegen Bier eingetauscht.

Der Mensch hat durchschnittlich neun Haare pro Quadratzentimeter auf dem Rücken, der Biber hingegen rund 12.000. Da hält ein Bauarbeiter locker mit. Sollte ein Astronaut zufällig an einem der nächsten sonnigen Tage in der Barerstraße landen, wird der denken, er sei auf dem Planet der Affen angekommen. Ich kann den armen Mann schon vor mir sehen, wie er da mit Entsetzen in den Augen an der Schellingstraße Ecke Barer aus seiner Raumkapsel steigt, auf die Knie fällt und schreit: »Was habt Ihr getan?! Ihr Wahnsinnigen! Außerdem war die Straße doch noch voll in Ordnung!«

Bibernachwuchs kommt im Mai auf die Welt, ist von Geburt an behaart und kann stehen. Wie bei Bauarbeitern auch. Nur dass die offensichtlich schon im April geboren werden, wenn ich mir die Barerstraße so ansehe.

Seine Reviergrenzen werden vom Biber mit dem sogenannten Bibergeil markiert, einem öligen Sekret aus einer Drüse im Afterbereich, und gegen Eindringlinge verteidigt. Der Bauarbeiter ist mit einer Hautfalte im Afterbereich ausgestattet, die »Bauarbeiterdekolletee« genannt wird. Mit dieser Falte sondert der Bauarbeiter flache, gelbe Schilder ab, auf denen zu lesen ist: »Betreten der Baustelle verboten«. Desweiteren verteidigt der Bauarbeiter sein Revier mit dem markanten Ausruf:
»Ey ey ey!«

Biberfamilien leben direkt an ihren Staudämmen in einer sogenannten Biberburg, Bauarbeiter leben direkt an ihren Baustellen in sogenannten Butzen. Ein wohlbekanntes Kinderlieb deutet bereits auf die frappierende Ähnlichkeit zwischen den beiden Spezies hin, das da lautet: »Es tanzt ein Biberbutzemann in unserem Haus herum«.

Biber haben einen breiten, mit lederartiger Haut bedeckten und unbehaarten Schwanz.
Hmm.

Biber erreichen mit etwa drei Jahren ihre Geschlechtsreife, werden dann von ihren Eltern aus dem heimischen Revier vertrieben und können über 100 Kilometer weit wandern. Bauarbeiter wandern sogar noch weiter. Zum Beispiel bis nach Wuppertal. Da haben die Bauarbeiter ein Schild an die aufgerissene A46 gestellt: »Wir bauen für Sie bis 2010.« Schönen Dank, liebe Bauarbeiter, aber für mich müsst Ihr da nix bauen. Ich find, die A46 war noch voll in Ordnung.

19 Comments:

Blogger PropheT said...

War Wocken nicht son Heavy Metal Festival in Schleswig Holstein?

5/4/09 19:34

 
Anonymous Anonym said...

das ist "Wacken"

5/4/09 21:47

 
Blogger Andreas Norden said...

Hm, ich hab schon länger vermutet das Biber und Bauarbeiter unter einer Decke stecken. Als nächstes greifen dann wohl Marspelztiere zusammen mit Steuerfahndern die Erde an ^^

Wie immer ein sehr guter Text
*daumenhoch*

5/4/09 22:11

 
Anonymous dex said...

Wenn dich eine aufgerissene Straße schon stört, dann komm mal nach Köln und guck was die Bauarbeiter hier machen. Das Stadtarchiv war auch noch voll in Ordnung, bevor man den Boden drunter weg gebuddelt hat...

6/4/09 00:45

 
Blogger Tulio said...

Nur zur Info: Die Straße war okay, da werden im Block Fernwärmeleitungen erneuert und neue verlegt.

6/4/09 13:32

 
Anonymous Spot said...

Ich bin auch schon am ausrasten. Direkt vor meiner Haustüre bauen die einen Kreisel!! Dabei war die Strasse und die Ampeln doch voll in Ordnung!

6/4/09 13:43

 
Blogger Lord Quinex said...

Das Verhalten der Bauarbeiter lässt sich doch ganz logisch erklären:

Wenn man sich über Biber schlau macht, so findet man als Erklärung für den Bau von Dämmen, diese hielten den Wasserstand um die Burg herum aufrecht, und sorgten gleichzeitig für das Wachsen von Pflanzen als Nahrung.

Früher muss es so gewesen sein dass, während die Mehrheit der Menschen als Jägergruppen durch die Landschaft zogen, einige Ur-Bauarbeiter, die sich zu langsam bewegten um zu jagen, die Wege blockierten. Die anderen Steinzeitmenschen, die nun nicht mehrweiterkamen riefen :"Ugh Grrg Targgr!" (Ey, was solln das jetzt?! Der Trampelpfad war doch gestern noch voll in Ordnung!), aber weil sie halt nicht vorbeikamen warteten sie. Und warteten, bis dann ein paar auf die Idee kamen, Hütten zu bauen, oder Felder, oder Urzeit-Imbissbuden, damit das Warten nicht langweilig wurde, und so entstanden dann die ersten Dörfer und Städte.

Wenn also Bauarbeiter die Straßen aufreißen, dann damit sich Menschen ansammeln, und dann Imbissbudenbesitzer kommen, um die Menge (und dann auch die Bauarbeiter) zu füttern. Derweil bauen die Bauarbeiter sich ihren eigenen Bau, die Kanalisation, und damit da nicht irgendtwer eine laute Autobahn drüber legt, muss oben eben, per Baustelle, eine STadt entstehen.

6/4/09 15:21

 
Blogger Bazooka Boy said...

Na, da musst du erstmal China erleben, da werden ganze Strassenzuege und Wohnblocks von heut auf morgen auf- bzw. abgerissen.

Da aber hier 7 Tage die Woche 24 Stunden am Tag gearbeitet wird, eruebrigt sich das Baustellenproblem in der Regel schon innerhalb weniger Tage!

Loeblich!

Wenn ich da an Berlin denke, wo eine ganze Stasse uebers Wochenende gesperrt wird, nur weil man einen Gullideckel offengelassen hat und den erst am Montag nach 3-4 Morgen-Pils wieder zu schliessen vermag. Da stehen einem echt die Rueckenhaare zu Berge...

7/4/09 05:56

 
Anonymous viktor said...

Nicht übel,ich dachte ja immer die Kolumnen von Jan Weiler im Stern wären amüsant,aber deine Texte schlagen die regelmässig um längen

7/4/09 10:18

 
Blogger Roesisch said...

Ja, die Bauarbeiter... Ich hab da so einen Trupp vor der Haustür, von denen einer jeden Morgen sein Liedchen pfeift. Der Typ pfeift die ganze Zeit dasselbe unmelodische Zeug. (Verarbeitet so wahrscheinlich seinen Ohrwurm) Das geht jetzt schon seit gut 2 Wochen so! Heute Morgen ist er dann auch noch zu Gesang übergegangen. Da kriegst du echt Mordgedanken!
Jetzt, da ich deinen Vergleich hier mit Bibern gelesen habe, frage ich mich, wann die Jagdsaison auf Bauarbeiter eröffnet wird..!?! Ich kann's kaum erwarten!

7/4/09 12:20

 
Blogger Chris said...

Dein Reim weckt spontan meine Kreativität, danke!

Ein Mörder aus Abercrombie
versteckte die Leichen im Kombi.
Die Cops jedoch, gar nicht dumm,
legten ihn einfach um.
Nicht schlecht, doch er war ein Zombie.

Ostern, Bieber, Wocken? Nö. Themaverfehlung, Mist. Tut mir leid.

9/4/09 10:25

 
Anonymous Gregor said...

Servus Fabian^^

Dringende Bitte: Wie hieß das T-Shirt, dass du in der Call of Juarez GamestarTv Sendung getragen hast?

Entlöhnung gibt es in Liebe.

Grüße

10/4/09 10:20

 
Blogger Fabian said...

Ich bin grad nicht zuhause, kann also nicht nachschauen, aber ich werd's herausfinden.

10/4/09 11:49

 
Blogger Fabian said...

Da gibt's das:
http://www.threadless.com/product/178/Pandamonium?=

10/4/09 11:53

 
Anonymous Anonym said...

Dann fahren sie halt U-Bahn Herr Sigismund und gucken wieder Grimmig! (Beim U-Bahn fahren... schauder)

10/4/09 15:47

 
Blogger gedacht-gesagt said...

Ach nee entpuppst du dich grad als mein Nachbar?! Mann! Da kommt man aus dem Urlaub zurück und stellt fest: Wo ist denn die Tram geblieben...?! Straße putt, Tram wech, Straße überqueren bringt von nun an dank der mangelnden Einsehbarkeit einen Hauch von Russisch-Roulette-Feeling mit sich. Und diese sexy Bauarbeiter...ich sage nur: SCHNITZELFRIEDHOF-REUNION! na so macht der sommer doch spaß ;)

15/4/09 17:14

 
Anonymous GreenStorm said...

Für den grandiosen Text hast Du eigentlich ein gutes Essen und einen Schnaps verdient. Schade, dass ich weder in Bayern wohne, und Dich überhaupt nicht kenne. Achja, und weiblich bin ich auch nicht. Aber ansonsten..

moment mal, hab ich das da geschrieben ? oO

15/4/09 22:53

 
Anonymous Alien426 said...

Apropos Biber: Beavers: Assholes Of The Forest

24/4/09 20:06

 
Anonymous viktor van said...

ich hab herzlich gelacht,
große klasse herr fabian =)

8/5/09 10:59

 

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